Ausgewählte Reden und Texte von Moritz Leuenberger.
Das Vorwort zu "Träume & Traktanden"
Eine Rede ist ein Gespräch
"... eine geistreiche, persönliche und witzige Rede. Jedermann rätselt, wer sie ihm wohl geschrieben hat ...", lautet ein nicht ganz untypischer Zeitungskommentar zu einer der in diesem Buch abgedruckten Reden.
So wie niemand einem Bundesrat zutraut, allein in ein Flugzeug zu steigen, weswegen die Fluggesellschaften weltweit VIP-Services unterhalten, die sich rührend um Kleinkinder und Regierungsmitglieder kümmern, so wenig traut man offenbar einem Bundesrat zu, eine Rede selber zu schreiben. So sei denn die häufige Frage nach dem Ghostwriter beantwortet: Es gibt keinen.
Und dennoch, ich erarbeite meine Reden nicht allein. Ich entwerfe ein Gedankengerüst mit teilweise ausformulierten, teilweise unausgegorenen Passagen, unterbreite diese je nach Thema meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, interessierten Freundinnen und Freunden, welche mir ihre Ideen zurückmelden, mich vor Fettnäpfen bewahren und Neues vorschlagen, was ich dann alles wieder verarbeite, ein Prozess, der sich mehrmals wiederholen kann, bis der Gongschlag für den Auftritt weitere Veränderungen verunmöglicht. Ohne das Fallbeil des Redetermins wären die hier abgedruckten Gedanken alle logischer, vollständiger, missverständnisfreier, aber sie wären wahrscheinlich alle gar nie geäussert worden.
Die Reden sind also entstanden, indem andere mit mir redeten, jedoch nicht nur vor, sondern durchaus auch während des Auftrittes: Manch eingeflochtene Anekdote, beschwichtigende Ergänzung oder zurückweisende Klarstellung ist die Reaktion auf eine lächelnde Aufmunterung, auf ein stirnrunzelndes Kopfschütteln oder einen Zwischenruf aus dem Publikum. Der Vortrag einer Rede lebt von der aktiven Präsenz des Publikums, und er bleibt leblos, wenn dieses apathisch verharrt.
Das Zwiegespräch mit den Zuhörerinnen und Zuhörern stellt sich aber bereits bei der Erarbeitung einer Rede ein: Ich bemühe mich, auf die Grundhaltung des jeweiligen Zuhörerkreises einzugehen, mir mögliche Fragen oder Gegenfragen vorzustellen, sie aufzunehmen, zu diskutieren, zu beantworten, aber auch, sie offenzulassen, wenn ich selber keine Antwort finde. So ist es mir ein Anliegen, mit dem Publikum zu reden, es nicht zu überreden, denn die Sprache haben wir ja, um miteinander im Gespräch zu sein. Eine Rede ist nicht ein Monolog, sondern ein Dialog. Ich lernte in meiner politischen Arbeit, dass es nie einfache und eindeutige Antworten gibt, dass diese immer nur gefunden werden, wenn zu jeder Behauptung die Gegenfrage gestellt wird, wenn jede These in Zweifel gezogen wird. In einer Rede möchte ich das Publikum an diesem Gedankenprozess beteiligen. Ich versuche damit einer Aufgabe unserer Demokratie nachzukommen, die politische Diskussion zu pflegen. Ich freue mich, dass der Limmat Verlag mir diese Diskussion mit einem grösseren Leserkreis ermöglichen will.
Moritz Leuenberger





