Moritz Leuenberger - Die Zeit, 30. Juni 2011
Eine direkte Demokratie wie in der Schweiz braucht den Kompromiss, den Ausgleich, die rationale Diskussion. Und keine hasserfüllte Demagogie oder billigen Populismus
Zum letzten Mal war ich an Silvester in diesem Theater. Vor der Aufführung von My fair Lady hielt der Operndirektor eine Rede. Er nahm Bezug auf eine bevorstehende Abstimmung, die auch das Theater betraf. Eine Passage ist mir aufgefallen: « Im Februar findet die Volksabstimmung statt. Die Politik hat bereits entschieden. Jetzt geht es nur noch darum, dass das Volk auch Ja sagt. » Hoppla, dachte ich. Hoffentlich wird dem armen Direktor aus Deutschland kein Strick aus dieser Formulierung gedreht, denn sie widerspricht fundamental dem klassischen schweizerischen Selbstverständnis der direkten Demokratie. Es gibt doch nicht « die Politik » und « das Volk », sondern die Stimmbürger und Stimmbürgerinnen bilden den Souverän. Sie gestalten den Staat. Sie sind die Politik zusammen mit den Vertretern in Parlament und Regierung. 2Wir sitzen doch alle im gleichen Theater! »









