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Franz Hohler – Portrait einer Uetikone


Franz Hohler – Portrait einer Uetikone

Uetikon, Riedstegsaal, 25.11.23 ML

 

Drei Jubiläen feiern wir in diesem Jahr. Der Anciennität folgend sind dies:

-       Jubiläum Nr.1:  Vor 175 Jahren trat die Bundesverfassung in Kraft. 

-       Jubiläum Nr. 2:  Vor 80 Jahren wurde Franz Hohler geboren.

-       Jubiläum Nr. 3:  Vor 60 Jahren hielt Kennedy seine Rede in Berlin.  

Die Bundesverfassung wurde im Parlament während etwa zwei Stunden gewürdigt. Das war um einiges kürzer als die Debatte über den Abschuss des Wolfes. Die Kennedy Rede wurde Ende Juni in einigen wenigen Medien kurz in Erinnerung gerufen - mit demselben Text, der zehn Jahre vorher zum 50. Jubiläum erschien. Andere Geburtstage wurden, wenn überhaupt, nur gerade an einem einzigen Tag per Emoji in einem SMS abgehackt: Daumen oben, Kuchen mit Kerzli, Proseccofläschlein.

Doch Franz Hohler hat nicht Geburtstag, sondern Geburtsjahr. 

Jubiläum Nummer 2: Franz Hohler

Während dieses ganzen Jahres folgten sich Ausstellungen, Interviews, Reden, Diskussionen, Literaturanalysen, Psychoanalysen. Und alle steuerten sie auf einen Höhepunkt hin: Auf den heutigen Tag hier in Uetikon. Uetikon hat sich, gentlemanlike und nobel, ganz an den Schluss der langen Schlange mit den vielen Gratulanten eingereiht. Erst heute, gegen Ende des Jahres feiert es Franz Hohler, kurz vor dem anderen berühmten Geburtstag, dem des Christuskindleins. Das hat seinen Grund. Innerhalb des 80-jährigen Jubiläums verbirgt sich nämlich, wie eine kleine Babuschka in der größeren Babuschka, ein weiteres Jubiläum: 

Jubiläum Nr. 2a: Vor 50 Jahren lebte Franz Hohler in Uetikon. 

Uetikon prägte das Leben von Franz Hohler. Hier lebte er nach seiner Heirat. Es war die Zeit des kalten Krieges, als eine Generation dem Schema des Entweder / Oder entkommen wollte und nach einem dritten Weg zwischen den beiden Systemen suchte, deren Gegensatz die Welt beherrschte. Das führte zu Misstrauen, das sich durch das ganze Land, durch Städte und Dörfer, ja, durch ganze Familien zog, wie es die Fichen später zum Vorschein brachten.

In einer kleineren Gemeinde zeigt sich die gegenseitige soziale Kontrolle direkter und weniger anonym als in einer Stadt. Das hat Nachteile und es hat Vorteile. Schon die Gründung einer Spielgruppe, in welcher damals auch die Kinder von Franz und Ursula zusammen mit anderen Kindern von Uetikon sangen und tanzten, führte zu einer Frage an den damaligen Experten für Subversion, Ernst Cincera. Als dieser in Uetikon auftrat, wurde er aus dem Publikum gefragt, ob diese Spielgruppe subversiv sei. Der Experte blieb Experte und antwortete: „Ich kenne sie bis jetzt nicht, man muss eine Spielgruppe aber immer gut beobachten.“ Das geschah dann auch.

In der Spielgruppe wurde eine Kindergeschichte von streitenden Tieren erzählt, welche sich dann aber friedlich versöhnten. Versöhnen? Ist das nicht ein anderes Wort für Pazifismus? Pazifismus? Ist das nicht ein anderes Wort für Kommunismus? Ja, die Spielgruppe wurde scharf beobachtet und die Flugblätter gegen sie waren scharf gehalten. 

Beobachtet zu werden, ist für einen politisch denkenden Demokraten kein Problem und für einen Künstler, der ja das Publikum sucht, vielleicht sogar ein Erfolg. Für Transparenz war jedenfalls gesorgt. Man wusste, dass bei Franz und Ursula Hohler reger Verkehr von Besuchen herrschte, dass dort auch Subversive verkehrten, wie Mani Matter, Wolf Biermann oder Hannes Wader.

Es ist für die politische Kultur in unserem Lande, die anstrebt, keine politischen Feinde, sondern nur politische Gegner zu kennen, die offen miteinander reden können, gar nicht so schlecht, wenn der direkte Kontakt mit den Anderen gepflegt werden muss. Das ist in einer kleinräumigen Gemeinde eher möglich als in der Stadt, wo die Abkapselung in eine Blase von Gleichgesinnten zur Regel wird, was dann zu einer gegenseitigen Unversöhnlichkeit führt. In einer kleinen Gemeinde kommen wir hingegen kaum darum herum, uns unserem Gegenüber zu erklären und verständlich zu machen. Das schärft einerseits das eigene Bewusstsein, aber auch das Verständnis der Anderen. 

So wurden damals in Uetikon einerseits die politischen Kanten von Franz Hohler geschliffen, gleichzeitig aber auch das Verständnis für seine Gegner und dafür, sich mit ihnen auseinanderzusetzen und auf sie einzugehen. Ein Gedicht, das Franz hier in Uetikon schrieb, ist ein Ergebnis des gegenseitigen Verständnisses verschiedener Kulturen, nämlich zwischen arbeitender Bevölkerung und Künstlern. Es ist im Band über die Gemeinde „Uetikon am See“ abgedruckt. Franz wird es nachher vortragen.

 Diese Auseinandersetzungen zwischen zwei Welten waren der Grund, dass Franz heute sagt: „Es waren schöne Jahre hier in Uetikon!“ Dieses Bekenntnis wiederum ist der Grund, dass er immer wieder hierher eingeladen wurde, an literarische Auftritte im Riedtstegsaal, sogar an eine 1. Augustrede und auch dafür, dass wir uns heute hier versammeln. Uetikon war und ist sich bewusst: Franz Hohler ist einer aus der Garde von Schriftstellern und Schriftstellerinnen, die hier wohnten, wie zum Beispiel Max Frisch und Ingeborg Bachmann. Ihre Briefe wurden nicht zufällig in diesem Jahre veröffentlicht. Das geschah bewusst im Hinblick auf das Jubiläen, das wir heute feiern. Wer hätte sich denn sonst für die brieflich festgehaltenen Beziehungsprobleme zwischen einem Mann und einer Frau interessiert?

 Doch schlagen wir einen Bogen zum ältesten Jubiläum, das wir dieses Jahr feiern, zu

Jubiläum 1: Die Bundesverfassung wird 175 Jahre alt.

Dieses Jubiläum ist das ältere Geschwister von Franz Hohlers Geburtsjahr. Die beiden sind also miteinander verwandt, haben demnach dieselben Gene. Wir wollen versuchen, sie zu analysieren. 

Die Bundesverfassung ist der oberste Kodex unseres Rechtsstaats. Auf sie beruft sich, wer zu seinem Recht kommen will. Aber sie ist mehr als ein Köcher des Arsenals für juristisches Geschütz. Sie gibt die Grundsätze vor, wie wir als Gesellschaft zusammenleben sollen. 

 

  • In der Präambel der Verfassung steht: «Es ist nur frei, wer seine Freiheit gebraucht.» 

 

Franz Hohler hat die Kunstfreiheit genutzt, seine Meinung gesagt, sich nicht im Hinblick auf Preise angebiedert.  Und dafür hat er den Literaturpreis des Kantons Zürich 1982 - nicht erhalten. Herzliche Gratulation dazu, auch aus heutiger Sicht!

Er hat die Redefreiheit genutzt. Er sprach im Mai 1993, also vor 30 Jahren (Jubiläum 2b), auf dem Bundesplatz vor einer riesigen Menge, die vor der Abstimmung gegen den FA 18 mobilisierte: Wir haben etwas Zeit und ich möchte die Rede in ihrem vollen Wortlaut wiedergeben. Franz Hohler sagte wenige Meter neben dem Bundeshaus, also face en face mit dem Bundesrat: 

«Die Regierung sagt: Wir brauchen einen neuen Kampfjet. 

Das Volk sagt: Nein»

Applaus, Applaus. Schon hatte er fertig. Ein Muster für die Länge einer politischen Rede - gepaart mit einem kleinen Schuss Populismus. Was uns aber auch durch den Kopf geht: Wir wünschten uns heute, die weltpolitische Lage wäre immer noch so einfach wie damals. 

  • Es steht weiter in der Bundesverfassung, Art. 2 Abs. 2: «Die Eidgenossenschaft fördert die gemeinsame Wohlfahrt, die nachhaltige Entwicklung, den inneren Zusammenhalt und die kulturelle Vielfalt des Landes.»

Franz Hohler ist ein gefragter Gast von Literaturabenden, Jahresversammlungen, kulturellen Anlässen aller Art. Viele fragen ihn an. Allen sagt er zu. So pflegt er die kulturelle Vielfalt des Landes, besucht jede Stadt, jedes Dorf, jedes Tal. Er geht in jeden Krachen, kein Forum ist ihm zu klein, keine SAC-Hütte zu abgelegen. Er bedient das ganze Land besser als der öV es tut, auch Orte, wo die Fahrpläne abends nicht mehr so dicht sind, nicht so dicht wie im Bahnhof Stadelhofen oder dem rechten Zürichseeufer, auf das die ganze Schweiz eifersüchtig ist. Es gibt Bahnhöfe, wo man stundenlang im kalten Wind steht, «wo dr Zug noni abgfahre isch, oder noni isch cho.» (Das Lied Mani Matters entstand wohl, als die beiden in Gümligen auf einen Anschluss nach Bern warteten.)

  • Art. 4 der Bundesverfassung lautet: «Die Landessprachen sind Deutsch, Französische, Italienich und Rätoromanisch»

Franz Hohler lebt diesen Artikel vor: Seine Auftritte erfolgen in allen Landessprachen: Das Totenmügerli erzählt er auch rätoromanisch. Diese Omnipräsenz des Kulturgutes Totenmügerli in allen Landesteilen und allen Landessprachen führt zu einer Solidarität, ja, zu neuen Identitäten. Niemand will das Totenmügerli abschiessen wie den Wolf. Es herrscht die freundeidgenössische Überzeugung: «Wir sind alle Totenmügerli.»

 

  • Wir lesen sodann in der Bundesverfassung Art. 2 Abs. 4:  „Die Eidgenossenschaft setzt sich ein für die dauerhafte Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen und für eine friedliche und gerechte internationale Ordnung.“

 

Ein konstanter Mahner dieses Grundsatzes ist Franz Hohler. So seine Geschichte des Weltuntergangs. Er hat sie gesungen vor 50 Jahren, zu Zeiten des Club of Rome (Jubiläum 2c). Sie wurde dieses Jahr von den SJW neu herausgegeben, nicht als «Zweite verbesserte Auflage». (Soeben kam eine «verbesserte Auflage» des Werkes von Jeremias Gotthelf heraus. Ihn kann man offenbar noch verbessern. Franz Hohler kann man nicht verbessern.) Seine Geschichte ist wortwörtlich gleich herausgekommen. Nicht einmal die Sprache ist gendergerechter, nichts von Käferinnen oder Fischinnen.  

Die Geschichte gerafft: Die Gattung eines kleinen Käfers verschwindet aus der Fauna in Asien, als Folge auch die Gattung eines Fisches, deshalb wächst ein schwarzes Insekt, die Beschaffung des Maises ändert sich, Hühnersterben, Quecksilbergehalt steigt, Meeresspiegel steigt, Sonnenlicht dringt nicht mehr auf Erde, Klimawandel, Pole schmelzen, Weltuntergang droht. 

Sie endet: «Wann wird das sein? Wir kratzen uns in den Haaren. In fünfzig oder in hundert Jahren? Ich habe mich anders besonnen, der Weltuntergang hat schon begonnen.»

Weltuntergang vor 50 Jahren, Weltuntergang heute. Winkt da der ewig erhobene Zeigefinger eines Moralisten? Das wurde viel gefragt in diesem Jahr. Ist Franz Hohler ein Moralist?

 

Moral, Moralismus, Moralin sind negativ besetzt. (Ausser im Fussball: «GC braucht mehr Moral.» «FCB: Moral im Keller.» Moral heisst im Sport Kampfgeist.)

 Aber Moral in der gesellschaftlichen Diskussion ist anrüchig. 

In einem Leitartikel der NZZ am Sonntag von letztem Wochenende lasen wir:  «Es gibt viel zu viel Moral, sie ist billig zu haben, sie verstellt den Blick auf das Wesentliche: auf die pragmatische Politik. Mit Moral ist heute kein anständiger Staat zu machen.» Das ist ein gravierender staatspolitischer Fehler, vor allem von einer liberalen Zeitung. Die Bundesverfassung hält nämlich ausdrücklich fest, wie unerlässlich die Moral für unsere Gesellschaft ist.

  • Artikel 6 der der Bundesverfassung: «Individuelle und gesellschaftliche Verantwortung: Jede Person nimmt Verantwortung wahr und trägt nach ihren Kräften zur Bewältigung der Aufgaben in Staat und Gesellschaft bei.»

 

Das ist ein Appell an die moralische Eigenverantwortung. Sie wird in allen politischen Bereichen immer wieder beschworen. Von der Finanz- bis zur Umweltpolitik. Mit moralischer Eigenverantwortung der Banken wollte man zunächst der Geldwäscherei beikommen. Denselben Zweck hatten die Vereinbarungen mit der Automobil- und der Cementbranche, den CO2 Ausstoss zu reduzieren. (Dass beides nicht zum Ziel führte, steht auf einem anderen Blatt und hat nichts mit dem richtigen Prinzip zu tun.)

  • Weiter appelliert die Verfassung in Art. 5 an die Moral:

            «Staatliche Organe und Private handeln nach Treu und Glauben».

Das sind moralische Maximen, die nicht jeder Staat kennt. Viele Staaten, weltweit wahrscheinlich die Mehrheit, folgen anderen Grundsätzen, denen von Machiavelli. Er geht im „Fürst“ davon aus, das Zusammenleben der Menschen müsse mit der Angst vor Sanktionen organisiert werden. Die Bundesverfassung atmet einen anderen Geist, den der Aufklärung: Uneingeschränkte polizeiliche Mittel oder gar ein totaler Polizeistaat kann echtes Vertrauen zwischen den Menschen nicht erzwingen. Im Gegenteil, so wird es zerstört. Ein Staat, der sich nur auf Gesetze und Verordnungen und Bussen stützt, kann nicht gleichzeitig die Freiheit garantieren. Das wäre ein Widerspruch. Eine Gesellschaft, die auf gegenseitiges Vertrauen baut, braucht drei Stufen. Auf ihnen beruht auch unsere Bundesverfassung:

Die weltliche Dreifaltigkeit des Zusammenlebens in einem Staat: Menschlichkeit, Moral und Recht

  • Die erste Säule: Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe

Das ist die spontane gegenseitige Hilfe und Achtsamkeit, die tief verankerte Nächstenliebe, ganz ohne Normen, ohne moralische oder religiöse Gebote. Diese visionäre Überzeugung hatte auch Jeremias Gotthelf als Schriftsteller und als Pfarrer. 

 

Kultur und Religion bilden die Quellen für dieses Grundwasser. Der Fundus für moralische Werte wächst auf den Bühnen der Literatur, des Theaters, der Musik, von Volksgesängen oder dem Kabarett. Die Kultur ist die moralische Infrastruktur eines zivilisierten Staates. Der Staat ist auf sie angewiesen und deshalb muss er der Kultur Freiheit zusichern, und zwar ausdrücklich, damit sie diese Freiheit nutzt, ihn, den Staat mitzugestalten und zu kritisieren. Das darf nicht einfach eine paternalistisch gewährte Toleranz sein. Der Staat ist auf die Kultur angewiesen. Aus ihrem Grundwasser fliesst der demokratische Diskurs darüber, wie wir uns gegenüber unseren Gegnern benehmen sollen, darüber, was gut und was verwerflich ist,

Natürlich ist eine Gesellschaft, die einzig auf Nächstenliebe aufbaut, eine Utopie. Deswegen münden die Ergebnisse solcher Diskussionen über Gut und Böse zwangsläufig in 

  • Die zweite Säule bilden die moralischen Normen 

Das sind die Regeln über Anstand, über Treu und Glauben ohne Zwangssanktionen. 

 Es herrscht jedoch grosse Abneigung gegenüber Moralpredigern. Sie sind meistens nicht glaubwürdig. Wir stören uns an Klimaaktivisten, die unmittelbar nach der Selbstanklebung nach Bali in den Urlaub fliegen und an Umweltministern, die an eine Klimakonferenz fliegen, statt den Nachtzug zu nehmen oder das Velo.

Moralpredigerinnen sind erst glaubwürdig, wenn sie sich selbst als nicht fehlerfrei sehen. Moralisch glaubwürdig ist nur, wer den Balken im eigenen Auge sucht und so die Widersprüche, in denen wir leben, sehen und verstehen kann. Darin gründet wohl die grosse Sympathie zu Franz Hohler, die wir in diesem Jahr erfahren haben. Er sei ein politischer Moralist, er schärfe «unser Schweizer Gewissen», vernahmen wir. 

Es gibt die Geschichte, auch sie schrieb er in Uetikon, «Friedrich der Gerechte». Das war einer, der konsequent ökologisch «gut» leben wollte. 

Er zieht sich von der Zivilisation sukzessive zurück, lebt schlussendlich nackt auf einem Baum, scheitert und muss sich den ökologischen Widersprüchen ergeben.  Zu verstrickt sind wir in den Privilegien unserer technisierten und globalisierten Gesellschaft, eingeschnürt vom Wohlstand in einem der reichsten Flecken der Welt. Kein Klimademonstrant kann seiner Mitverantwortung für den CO2 Verbrauch entkommen. Das soll jetzt aber gerade nicht ein Angriff auf die Glaubwürdigkeit der Klimaproteste sein, denn es braucht

  • die dritte Säule, verbindliche Gesetze mit Sanktionen.

 Denn niemand in unseren Breitengraden kann konsequent ökologisch gut leben, nicht am rechten und nicht am linken Seeufer, nicht in roten Stadtquartieren, nicht in grünen Wolken, selbst wenn wir das wollten. Es sind dies Widersprüche, die zur Spannung zwischen Intellektuellen und Politikern, zwischen Verantwortung und Gesinnung führen.

Visionen zu skizzieren, Utopien zu beschwören ist das eine. Sie umzusetzen das andere. Es gibt Intellektuelle, seien sie nun Philosophen, Kabarettisten oder Demonstranten, die von den Emporen der Sternstunde herab oder von der Strasse, wo sie angeklebt sind, hinauf, all diejenigen verspotten, die ihre Visionen zwar teilen, sich dafür einsetzen, aber sich auf den politischen Schlachtfeldern nicht durchsetzen können (und darunter am meisten leiden). Franz Hohler ist nicht blosser Gewissensethiker, wie viel seiner Berufskollegen. «Man kann die Welt mit Worten nicht verändern» gestand er in «Gredig direkt». Gesinnung ist von Verantwortung nicht zu trennen, sonst wird die Gesinnung zum gefälligen Populismus. Eine Nagelprobe, ob ein kritischer Geist, sein Land nicht nur mit Hohn und Spott übergiesst, sondern sich um die konkrete Gestaltung kümmern will, ist wohl die, ob er bereit ist, eine 1. August Rede zu halten. Haben wir je einen Comedian eine 1. August Rede halten gehört? Eine 1. Augustrede verspotten, kein Problem. Aber eine selber wagen?

Franz Hohler tat dies hier in Uetikon. Er pilgerte auch auf das Rütli. Dieses galt zu jener Zeit als ein patriotisches Symbol und wurde von Teilen der Linken als Heimat Tümelei belächelt und vom Bundesrat aus dem Zürcher Oberland sogar zu einer blosse «Wiese mit Kuhdreck» degradiert. Franz Hohler - und Beatrice von Matt - folgten aber der Einladung des damaligen Bundespräsidenten und hörten sich die Rede von Vaclav Havel über die Demokratie in Europa an.

 

So sind wir denn beide trotz meines früheren Berufes Freunde geblieben. 

Unsere Freundschaft überdauerte alle politischen Krisen, die ich durchlebte und alle Irrtümer, die ich beging. Das ist nicht selbstverständlich. Manche Freundschaft ist damals im Spannungsfeld zwischen Gesinnungsethik und Verantwortungsethik gerissen.  

Jubiläum Nr. 3: Die Kennedy Rede

 

Auf dem Höhepunkt des kalten Krieges wählte Präsident Kennedy statt der Ausdrücke «Wir sind solidarisch mit Ihnen» oder «Sie sind Teil unserer Identität» die eingänglichen Worte: «Ich bin ein Berliner!»

Dieser Ausdruck wurde unzählige Male imitiert und variiert.

Würde Franz Hohler zu dieser Plattitüde greifen und sagen: «Ich bin ein Uetikoner»? Nein, das wäre uns zu wenig. Franz ist nicht irgend «ein Uetikoner». Er ist mehr. Er ist «die Uet – Ikone!»

Doch loben wir nicht nur die Ikone, nicht nur das Ebenbild. Loben wir zuerst das Vorbild. Loben wir Uetikon. Loben wir den Förderverein Kunst und Kultur. Er hat das Jubiläum aller Jubiläen organisiert. Er hat unsere Begegnung von heute ermöglicht. Solange solche Begegnungen möglich sind, droht uns kein Weltuntergang.