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Gespräch über den Katastrophenherbst 2001


Fünf Ereignisse erschütterten im Herbst 2001 die Schweiz in kurzer Folge: 9/11, das Attentat in Zug, das Swissair-Grounding, der Brand im Gotthard-Strassentunnel und der Crossair-Absturz. Nun treffen sich erstmals drei Menschen zum gemeinsamen Gespräch, die jenen Herbst in völlig unterschiedlichen Rollen erlebten: Moritz Leuenberger als Bundespräsident, Gerhard Pfister als Überlebender des Attentats in Zug und Jacqueline Badran als Überlebende des Crossair-Absturzes. Manche Lehren zog die Schweiz sofort. Andere bis heute nicht.

In diesen Tagen jährt sich der sogenannte Katastrophenherbst von 2001. Stimmen Sie überein, dass die damaligen Ereignisse das Schweizer Selbstverständnis erschütterten?

Moritz Leuenberger: Absolut.

Jacqueline Badran: Dem stimme ich zu.

Gerhard Pfister: Ja, das sind Ereignisse, von denen man noch Jahrzehnte später weiss, wo und wie man von ihnen erfahren hat. Sie haben die Schweiz verändert. Bis dahin waren Politik und Bürger einander ganz nah. Bei uns sassen Schulklassen auf der Zuschauerbank, direkt hinter den Ratsmitgliedern. Das war danach vorbei.

Sie sprechen vom Attentat im Zuger Kantonsrat, bei dem 14 Menschen ermordet wurden; der Attentäter erschoss sich danach selbst.

Pfister: Ich sass im Ratssaal, rechts aussen, beim Eingang. Der Kollege neben mir wurde als Erster vom Attentäter erschossen. In meiner Nähe sass ein weiterer Kollege, ein Freizeitjäger, er hat mir das Leben gerettet.

Schwarzer Herbst 2001: Fünf Katastrophen in 74 Tagen

Innerhalb von nur zweieinhalb Monaten erlebt die Schweiz eine beispiellose Folge von Ereignissen, die das Land sicherheitspolitisch, wirtschaftlich und emotional nachhaltig erschüttern.

11. September 2001: Bei islamistischen Terroranschlägen auf das World Trade Center in New York und das Pentagon sterben knapp 3000 Menschen, darunter zwei Schweizer Bürger.

27. September 2001: Beim Attentat im Zuger Kantonsratssaal erschiesst ein Amokläufer 14 Parlaments- und Regierungsmitglieder und verletzt 18 weitere Personen, bevor er Suizid begeht.

2. Oktober 2001: Die Flotte der nationalen Fluggesellschaft Swissair bleibt mangels Liquidität am Boden, woraufhin Zehntausende Passagiere stranden und der Konzern zusammenbricht.

Interview Tagi 1

Nationales Trauma: Gegroundete Swissair-Maschinen am 3. Oktober 2001 am Flughafen Zürich-Kloten.

Foto: Bildarchiv Tages-Anzeiger

24. Oktober 2001: Nach einer Kollision zweier Lastwagen bricht im Gotthard-Strassentunnel ein verheerendes Brandinferno aus, das elf Menschen das Leben kostet und die wichtigste Nord-Süd-Transitachse für zwei Monate sperrt.

24. November 2001: Eine Crossair-Maschine stürzt beim Landeanflug auf den Flughafen Zürich in einem Waldstück bei Bassersdorf ab, wobei 24 Passagiere und Besatzungsmitglieder sterben und neun Personen überleben.

Wie das?

Pfister: Er sagte mir, ich solle mich auf den Boden legen und unten bleiben. Selbst wenn Sie einen Toten neben sich sehen, dauert es einen Moment, bis Sie die Lage wirklich begreifen. Bis Sie merken: Das ist jetzt ernst, das betrifft mich. Es geht um mein Leben.

Rückblickend ist es kaum vorstellbar, dass es damals keine Sicherheitsmassnahmen gab, um ein solches Attentat zu verhindern.

Pfister: Man musste auch lange Zeit keine Angst haben. Dass die politische Klasse geschützt werden muss, auch in der Schweiz, das war völlig neu.

Badran: Die Bundesräte hatten bis dahin nicht einmal einen Bodyguard. Moritz Leuenberger hat man während seiner Amtszeit am Samstag beladen mit Migros-Säcken beim Einkaufen gesehen.

Leuenberger: 2001 hatte auch eine andere Wirkung, nämlich dass die Leute zusammenstanden und sagten: Wir sind stolz, dass bei uns ein Bundesrat ohne Bodyguards herumlaufen kann. Deshalb fühlte ich mich eher sicherer. Auch heute noch.

Interview Tagi 2

«Seither feiere ich den 27. September, den Tag, an dem ich diesen Massenmord überlebte, als meinen eigentlichen Geburtstag»: Nationalrat (Mitte) Gerhard Pfister (64) prägte seine Partei bis im Sommer 2025 als Präsident und gilt als profilierter bürgerlicher Vordenker. Im Katastrophenherbst 2001 überlebte er als Zuger Kantonsrat das Attentat im Plenarsaal, bei dem vierzehn Rats- und Regierungsmitglieder starben, unverletzt.   

Foto: Clara Neugebauer

Herr Pfister, wann holen Sie die Erinnerungen an jenen Morgen im Zuger Kantonsrat wieder ein?

Pfister: Es gibt Triggermomente, etwa wenn sich das Ereignis jährt. Das Attentat fand vier Tage vor meinem Geburtstag am 1. Oktober statt. Seither feiere ich den 27. September, den Tag, an dem ich diesen Massenmord überlebt habe, als meinen eigentlichen Geburtstag. Und wenn im Nationalrat jemand den Pultdeckel runterknallt oder im Saal etwas Unvorhergesehenes passiert, etwa eine Demonstration mit einem Transparent, weckt das bei mir Fluchtreflexe.

Frau Badran, wie oft erinnern Sie sich an die Nacht, in der Sie mit der Crossair-Maschine abstürzten?

Badran: Es gibt auch bei mir Situationen, die mich triggern. Zum Beispiel, wenn ich an einem Fest bin und die Leute über Finnenkerzen ihre Hände wärmen. Für mich war Feuer immer etwas Liebes: Man brätelt Schlangenbrot und wärmt sich. Seit dem Absturz ist Feuer für mich etwas Böses. Ich selbst hatte keine Verbrennungen, aber ich habe einen Mitüberlebenden gesehen, dessen Haut an den Händen herunterhing wie in einem Zombiefilm. Und an etwas Zweites erinnere ich mich ganz genau: Als ich als eine der neun Überlebenden aus dem Flugzeugwrack kroch, war mein erster Gedanke: Nicht das auch noch! Nicht noch so ein Unglück.

Sie erlebten Ihr eigenes Unglück schon in diesem Moment als Teil einer Kette von Katastrophen in jenem Herbst?

Badran: Ja, das hat auch mein Bild von der Welt und der Schweiz erschüttert. Die Klammer um diese Ereignisse scheint mir das Gefühl «Bei uns doch nicht!» zu sein. In den USA passierten zwar Amokläufe in Schulen, aber Terrorangriffe doch nicht. Und in der Schweiz waren bis zu diesem Zeitpunkt Dinge wie die Bedrohung von Politikerinnen und Politikern an Leib und Leben oder das Grounding der Swissair buchstäblich unvorstellbar. Das erschütterte unsere Identität zutiefst.

Leuenberger: Der Brand im Gotthardtunnel war jedoch letztlich ein Verkehrsunfall. Und das Risiko, dass ein solcher eintreten könnte, war eingerechnet. Die Feuerwehr hat genau das x-mal geübt und darum auch fantastisch reagiert. Dieses Unglück steht nicht für ein Versagen der Schweiz, im Gegensatz zu den anderen Ereignissen.

Interview Tagi 3

Massenmord im Parlament: Angehörige von Opfern trauern am 27. September 2001 vor dem Zuger Regierungsgebäude.

Foto: Urs Flüeler (Keystone)

 

 

Herr Leuenberger, sind die Ereignisse auch für Sie plötzlich wieder da – wie ein Flashback?

Leuenberger: Ja, allerdings war ich nie Opfer wie Jacqueline Badran und Gerhard Pfister. Ich war betroffen als Mensch und in der repräsentativen Rolle als Bundesrat. Am 1. Januar dieses Jahres, am Tag der Katastrophe von Crans-Montana, ist mir dann alles wieder hochgekommen. Ich habe sofort gedacht: Da ist etwas Wahnsinniges geschehen. Dass sich die Hintergründe dann als so schlimm erweisen würden, habe ich allerdings nicht gedacht. Ich hatte zum Teil das Gefühl, ich müsste mich für die Schweiz schämen.

Sie schämten sich?

Leuenberger: Ja, wenn die Schweiz auf der Anklagebank sitzt, wie es bei Crans-Montana der Fall ist, dann fühle ich mich mitangeklagt, weil ich ja einst offiziell die Schweiz repräsentierte. Das fühle ich immer noch so.

Sie waren im Katastrophenherbst Bundespräsident. Half Ihnen ein Stab von Mitarbeitenden, die richtigen Worte zu wählen?

Leuenberger: Das hielt ich für meine Aufgabe. Allerdings habe ich, bevor ich mich öffentlich äusserte, mit anderen Kontakt aufgenommen, auch mit dem Stab. Nach dem Attentat in Zug habe ich mehrere Leute angerufen, unter anderem einen befreundeten Psychiater. Ihn fragte ich: «Worauf führst du es zurück, dass die Hemmschwellen für ein solches Attentat sinken?»

Badran: Du bist, was die Kommunikation angeht, immer viel autonomer gewesen als alle anderen Bundesräte. Du hast auch deine Reden selbst geschrieben. Du hättest dir niemals von einer Kommunikationsabteilung floskelartige Kondolenzworte vorschreiben lassen, wie das heutzutage vielerorts passiert.

Leuenberger: Wenn wir nun 25 Jahre zurückschauen, fragen wir uns auch: Herrscht hier immer noch die Meinung, bei uns sei alles besser organisiert und wir seien gefeit gegen alles Unheil? Hat sich an dieser Selbstüberheblichkeit etwas geändert? Nach Crans-Montana zweifle ich. Dort meinten die Behörden, es laufe ja alles gut, sie seien zu nichts verpflichtet.

Pfister: Interessanterweise findet sich diese Einschätzung vom Sonderfall Schweiz nicht zuletzt im Ausland. Die Empörung in Italien über die falsche Reaktion der Behörden ist auch deshalb so gross, weil man es dort nicht für möglich hielt, dass sich eine solche Katastrophe in der Schweiz ereignen könnte.

Leuenberger: Je länger eine Katastrophe zurückliegt, desto mehr geht der Schrecken vergessen. Man nimmt wieder mehr Risiko in Kauf.

Badran: Oder das Unglück wird zum Einzelfall erklärt – und so kann man aus Katastrophen nicht lernen. Beim Crossair-Absturz reduzierte der offizielle Bericht alles auf einen Pilotenfehler, systemische Ursachen wurden nicht gesucht. Dabei hatte die Crossair eine viel schlechtere Sicherheitskultur als die Swissair.

Herr Leuenberger, als damaliger Verkehrsminister waren Sie für die Zivilluftfahrt zuständig.

Leuenberger: Nach dem Absturz gab ich bei einem holländischen Institut einen grossen Untersuchungsbericht über die Schweizer Luftsicherheit in Auftrag. Der Bericht war verheerend. In den zwei Wochen vor der Veröffentlichung habe ich alles umsetzen lassen, was darin empfohlen wurde. Ich hatte mich minutiös auf die Medienkonferenz vorbereitet. Aber es kamen nur sehr wenige Journalisten – und es wurde fast nichts darüber berichtet.

 

Interview Tagi 4

 

«Als ich aus dem Flugzeugwrack kroch, war mein erster Gedanke: Nicht das auch noch!»: Jacqueline Badran (64), Nationalrätin (SP), ist Vizepräsidentin ihrer Partei und gilt im Parlament als eine der profiliertesten Wirtschafts- und Finanzpolitikerinnen. Im Katastrophenherbst 2001 überlebte sie im Flugzeugheck den Crossair-Absturz bei Bassersdorf.

 

Foto: Clara Neugebauer

 

Der Bericht ist versandet?

Leuenberger: Ja, aber alle Empfehlungen wurden umgesetzt.

Badran: Du hast sehr viel gemacht. Dennoch gab es bei der Bewältigung des Absturzes bedeutendes systemisches Versagen. Nur ein Beispiel: Die Aufarbeitung der Rettungseinsätze und des Careteams fand nie statt. Ich selbst musste initiieren, dass Rettungskräfte, Polizei, Feuerwehr und Sanität einmal zusammenkamen, damit jeder seine eigene Version des Geschehenen erzählen konnte, um daraus auch zu lernen, was man künftig besser machen könnte. Der Feuerwehrkommandant war bei drei Flugzeugabstürzen im Einsatz, dabei war ich die erste Überlebende, die ihm davon erzählen konnte. Seither treffen wir uns regelmässig am Jahrestag.

Eine Art Traumabewältigung?

Badran: Ja, ich wollte alles verstehen. Vieles war absurd, man könnte eine Satire daraus machen. Vor allem das Careteam der Crossair hatte groteske Züge: «Brauchen Sie psychologische Hilfe?», fragte man mich. Nein, ich brauchte einen Schlüssel für meine Wohnung und Bargeld! Nach einem solchen Absturz ist man zivilisatorisch nackt: kein Schlüssel, kein Bargeld, kein Ausweis. Es wurde auch nie analysiert, wie Careteams vorgehen sollen, wenn Opfer auf Hinterbliebene treffen.

Warum ist das so wichtig?

Badran: Es war mir unklar, wie Hinterbliebene auf eine Überlebende reagieren. Deshalb wollte ich die Absturzstelle getrennt von ihnen besuchen. Ich vermutete, dass mich die Angehörigen der Opfer hassen könnten, weil ich überlebt habe und ihr Kind nicht.

 

Interview Tagi 5

 

Crash in den Wald: Absturzstelle bei Birchwil, wo Rettungskräfte am Sonntag, dem 25. November 2001, morgens die Trümmer des Crossair-Jets untersuchen.

 

Foto: Walter Bieri (Keystone)

 

Waren Sie allein an der Unfallstelle?

Badran: Nein, eben nicht. Die Hinterbliebenen kannten mich aus dem Fernsehen und starrten mich an. Ich dachte, die verabscheuen mich alle. Später fand ich heraus, dass sie nur Hemmungen hatten, mich anzusprechen, um zu erfahren, was in den letzten Minuten mit ihren Liebsten geschehen war. Ein Gespräch mit den Hinterbliebenen, in dem ich hätte sagen können, dass alles sehr schnell ging, ermöglichte die Crossair erst nach der Abdankung, obwohl ich sie dazu gedrängt hatte, dies vorher zu tun. Es war schrecklich.

Leuenberger: Was das Risiko eines systemischen Versagens anbelangt, werden bei uns aber auch Lehren gezogen, etwa bei der UBS, wo zurzeit über mehr Eigenkapital diskutiert wird. Eine direkte Lehre aus dem Fall Credit Suisse. Und nach dem Brand des Gotthardtunnels konnte ich das Tropfenzählersystem einführen, bei dem Lastwagen nur in gewissen Abständen in den Tunnel einfahren. Vor dem Brand kam ich mit diesem Konzept im Bundesrat nicht durch. Danach schon.

Badran: Aber nehmen wir den Fall Leibacher: Da hat man gelernt, zu verhindern, dass jemand Waffen in einen Parlamentssaal schmuggelt. Aber was ist mit den neuen Bedrohungen? Ich erhalte viele Morddrohungen, die besagen, man wisse, wo ich wohne. Trotzdem dauerte es ewig, bis ich durchbrachte, dass die Mitglieder eines Initiativkomitees ihre Wohnadressen auf dem Unterschriftenbogen nicht veröffentlichen müssen. Bisher konnte jeder herausfinden, wo ich wohne, und hätte seine Drohungen wahr machen können.

Leuenberger: Deswegen gab es dann relevante Änderungen. Man hat nach dem Attentat von Zug die Sicherheit im Bundeshaus hochgefahren und in Zug eine Ombudsstelle eingeführt für Leute, die im Konflikt mit den Behörden sind.

Herr Pfister, der Attentäter von Zug konnte seine Waffen trotz langer Vorstrafengeschichte legal kaufen. Weshalb sind Sie trotzdem gegen eine Verschärfung des Waffengesetzes?

Pfister: Man kann das typisch schweizerische Naivität nennen. Aber mir ist die Tradition nach wie vor wichtig, dass der Staat seinen Bürgern einen verantwortungsvollen Umgang mit Waffen zutraut. Die Kontrollen müssen aber schärfer werden. Ich habe auch den Eindruck, dass die Behörden wesentlich sensibler geworden sind.

Ist das wirklich so? In Kerzers hat ein Täter einen Bus angezündet, in Winterthur versuchte ein psychisch gestörter Islamist, Menschen mit einem Messer zu töten.

Badran: Die Politik hätte eigentlich lernen müssen, dass viele Amokläufe von politisch Radikalisierten mit psychischen Problemen verübt werden. In Deutschland und Frankreich gab es zahlreiche Fälle. Bei uns bringt die Polizei einen Radikalisierten in die Psychiatrie, und die Psychiatrie entlässt ihn wieder. Warum geht dort kein Alarm an, wenn sie jemanden rauslassen wollen, der als Maximalgefährder gelten muss? Aus falsch verstandenem Datenschutz? Wir haben aus all dem nur zum Teil gelernt.

Das Swissair-Grounding steht für das Versagen der Wirtschaftskapitäne. Erstmals kam das «Too big to fail»-Thema auf, das uns 2008 mit der UBS und zuletzt mit der CS wieder einholte. War der Herbst 2001 eine Art Dammbruch, weil der Staat zum ersten Mal zum Retter wurde?

Pfister: Ich finde, die Schweizer Politik geht nicht schlecht damit um. Der Prozess einer Geschäftsprüfungskommission oder einer parlamentarischen Untersuchungskommission ist heilsam: Man beugt sich gemeinsam über eine Sache, dann gibt es einen Bericht. Das ist die Art und Weise, wie bei uns die Politik so schwere Fälle aufarbeitet. Und die Aufarbeitung an sich wird aus meiner Sicht immer wichtiger.

Aber das Vertrauen in die Schweizer Wirtschaftselite ist seither stark gesunken.

Pfister: Schon. Doch das begann früher – mit dem Platzen der Internetblase nach den Partyjahren der 1990er. Seither hat die breite Bevölkerung einen realistischen Blick auf die Selbstüberschätzung gewisser Manager.

Interview Tagi 6

 

«Je länger eine Katastrophe zurückliegt, desto mehr geht der Schrecken vergessen. Man nimmt wieder mehr Risiko in Kauf»: Moritz Leuenberger (80), Alt-Bundesrat (SP), gilt bis heute als eine der prägenden Stimmen der Schweizer Sozialdemokratie. Im Katastrophenherbst 2001 war er Bundespräsident und zugleich Verkehrsminister, also politisch zuständig, als die Schweiz von einem Unglück ins nächste geriet.

Foto: Clara Neugebauer

Und die Politik?

Leuenberger: Im Moment schaut auch sie kritisch auf die Manager. Der Ständerat hat für einen bundesrätlichen Vorschlag zur Erhöhung des Eigenkapitals bei der UBS gestimmt. Jetzt müssen wir schauen, was im Nationalrat passiert. Es ist äusserst umstritten.

Badran: Also nein. Warum hat Sergio Ermotti wohl Schweissperlen auf der Stirn, wenn es um mehr Eigenkapital geht? Weil er seine 15 Prozent Eigenkapitalrendite braucht, sonst sind «die Märkte enttäuscht». In der Theorie senkt mehr Eigenkapital zwar die nominelle Eigenkapitalrendite, aber auch das Risiko, was den Abschlag rechtfertigt. Die Kapitaleigentümer kalkulieren also ihre Rendite mit der staatlichen Risikoversicherung. Wenn es schiefgeht, haftet der Steuerzahler, nicht sie.

Pfister: Das liberale Selbstverständnis «mehr Freiheit, weniger Staat» funktioniert nicht mehr. Das Verhältnis der Schweizer zum Staat ist heute ein anderes als in den 1990er-Jahren. Es gibt kaum noch Leute, die ernsthaft den Staat gegen die Wirtschaft ausspielen – er ist nicht mehr das Schreckgespenst für freie Unternehmer. Der Staat musste so viele Fehler der Wirtschaft korrigieren, dass sich Aussagen wie «so etwas würde in der Privatwirtschaft nie passieren» überholt haben.

Guy Parmelin sagte bei seinem Rücktritt, wir lebten in einer permanenten Krise: Covid, Ukraine, Credit Suisse, Zollkrieg, Crans-Montana – zuletzt die Trockenheit dieses Sommers. War der Krisenherbst vor 25 Jahren der Auftakt zu einer Zeit der Beschleunigung?

Pfister: Meiner Wahrnehmung nach war 2001 tatsächlich die grosse Wende. Seither habe ich manchmal das Gefühl, nicht nur die Welt erhitze sich, sondern auch die Leute. Vielleicht beeinflussen aber auch die sozialen Medien die Wahrnehmung der Häufung von Katastrophen. Es kommt zu einer Gewöhnung, vielleicht auch zu einer Abstumpfung als Selbstschutz. Zugleich ist die allgemeine Impulskontrolle ausser Kraft: Die Leute reagieren viel heftiger. Die Welt ist viel aufgeregter.

Leuenberger: Mein Eindruck ist, dass das Verantwortungsbewusstsein für die Gesellschaft zugunsten des eigenen Tunnelblicks verloren geht. Man kritisiert das vor allem bei Managern, etwa bei Marcel Ospel oder Ermotti. Aber die Verantwortung trifft alle, auch sogenannte kleine Beamte.

Was haben wir aus dem Katastrophenherbst 2001 gelernt?

Wo machen Sie das fest?

Leuenberger: Etwa bei jenen, die nach der Brandkatastrophe von Crans-Montana Rechnungen nach Italien geschickt haben. Sie hätten wissen müssen, wie so etwas im Land der Opfer ankommt. Stattdessen wird das von irgendjemandem aus den unteren Chargen des Bundesamts für Gesundheit noch verteidigt: Das stehe so in einer Verordnung. Da hätte sich der Bundesrat einschalten und die Rechnungen stornieren müssen.

Pfister: Es ist ein eigenartiges Paradox: Die Verantwortung wird weggeschoben, die Regulierung nimmt zu. Für alles gibt es ein Reglement. Dann aber müsste im entscheidenden Moment der – ich weiss, ein gefährliches Wort – gesunde Menschenverstand einsetzen.

Leuenberger: Nein, das stimmt.

Pfister: Es ist fatal, wenn der Einzelne nicht mehr einfordert oder zu beanspruchen wagt, dass etwas anständig oder angemessen ist. Ich stimme den Banken zu, wenn sie über zu viel Regulierung klagen. Aber die Regulierung ist eine Reaktion auf die Tatsache, dass man vieles gesamtgesellschaftlich nicht mehr anders regeln kann.

Leuenberger: Die ganze Entwicklung ist eine Bürokratisierung im weitesten Sinn: Gesetze sind heute ellenlange Verordnungen. Im Parlament bringt jeder einen Einzelfall ein, den er erlebt hat. Zugleich schwindet mit dieser Zunahme die Freiheit, etwas so zu interpretieren, wie es eigentlich gemeint ist.

Badran: Den meisten Aufwand verursacht nicht der Staat. In 26 Jahren Unternehmertum habe ich keine einzige zusätzliche staatliche bürokratische Hürde erlebt. Aber wo früher ein Geschäft mit einem Handschlag abgeschlossen werden konnte, gibt es heute ellenlange Verträge mit irgendwelchen Legal-Compliance-Vorgaben. Oder ich muss diese und jene Zertifizierung vorweisen. Das ist alles Privatwirtschaft gegenüber Privatwirtschaft.

Pfister: Vielleicht ist das Schwinden von Vertrauen generell das, was die Bürokratie wachsen lässt.

Leuenberger: Ich reduziere Bürokratie in keiner Weise auf den Staat. Nehmen Sie die ganze Multiple-Choice-Entwicklung: Alles ist vorprogrammiert, die Antworten sind vorgegeben, man kann nur noch wählen. Statt selbst kreativ zu sein, statt eine Antwort zu finden, die grau ist und nicht nur schwarz oder weiss. Das verändert das ganze Leben und nimmt uns Freiheitsräume, die wir als selbstverantwortliche Menschen haben müssten.

Sie zeichnen ein sehr düsteres Bild: Die Leute haben ihre Impulse nicht mehr unter Kontrolle, schieben die Verantwortung ab und schauen nur für sich. So können wir nicht aufhören.

Pfister: Nein, da haben Sie recht. Wir drei sind Angehörige der Boomer-Generation oder etwas älter. Junge Menschen unter vierzig nehmen das ganz anders wahr. Bei Jüngeren erlebe ich insgesamt eine grössere Resilienz gegenüber Vorgängen, die mich stören. Ich bin der Letzte, der der Generation Z den Vorwurf macht, sie wolle nichts mehr leisten. Sie reagieren auf die extrem «unlinear» gewordene Welt.

Eine «unlineare» Welt?

Pfister: Ja, ich konnte studieren, mich ausbilden lassen, einen Beruf ergreifen. Mein Leben war relativ stark vorgezeichnet und hat sich dann auch so entwickelt. Heutige junge Menschen sehen diese Linearität nicht mehr. Sie richten sich ein, sie sind aus meiner Sicht erstaunlich viel resilienter geworden. Auch unser politisches System ist lernfähig. Ich bin da nicht so pessimistisch.

Badran: Ich glaube, es ist nicht die Linearität, die uns Boomer auszeichnet, sondern Gewissheiten und Zuversicht. Wir haben gewusst: Wenn du eine gute Ausbildung gemacht hast und dich nicht allzu seltsam anstellst, dann hast du einen sicheren Job und unglaublich viele Optionen. Zudem waren wir nicht mehr gefangen in den Strukturen. Wenn der Vater Handwerker war, musstest du es nicht auch werden. Wir haben das Glück gehabt, in einer weniger krisengeschüttelten Welt und mit der Zuversicht zu leben, dass unsere demokratischen Institutionen stark genug sind, Probleme auch zu lösen.

WIE HAT DER KATASTROPHENHERBST 2001 DIE SCHWEIZ VERÄNDERT?

 

Interview Tagi 7

 

Abo 25 Jahren Swissair-Grounding(Fast) das Beste, was der Schweiz passieren konnte

 

Interview Tagi 8

 

 Abo Acht persönliche Erinnerungen an 9/11«Dass sich Menschen aus 250 Metern in die Tiefe stürzen, liess mich erstarren»

 

Interview Tagi 9

 

Podcast mit Frank Urbaniok (1/5)Urbaniok musste den Zuger Attentäter begutachten – jetzt blickt er zurück

 

 

 

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Michael Marti ist Autor bei der SonntagsZeitung und beim Tages-Anzeiger und schreibt vor allem über gesellschaftspolitische Themen.­ Mehr Infos @michaelmarti

 

Andreas Tobler ist Leiter des Gesellschafts- und Debattenteams. Er schreibt und recherchiert zu Themen an den Schnittstellen Gesellschaft, Wirtschaft und Politik. Mehr Infos @tobler_andreas